IG BCE aktuell 12-2019 - Standpunkt

Ein Tarifvertrag für die Zukunft

Mit der zurückliegenden Chemie-Tarifrunde hat die IG BCE einen Meilenstein gesetzt. Konsequenter denn je greift der Abschluss drängende Zukunftsfragen auf, die deutlich über unmittelbare Arbeitsbezüge hinausgehen: Work-life-Balance, Pflege, lebenslanges Lernen. In einer Zeit, in der Arbeit und Leben immer stärker verschwimmen, muss tarifliche Gestaltung umfassender gedacht werden. Darin liegen die Herausforderungen, aber auch Chancen kommender Abschlüsse, meint der stellvertretende IG-BCE-Vorsitzende Ralf Sikorski.

Andreas Reeg

Georg Müller, Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber und Ralf Sikorski, Tarif-Vorstand der IG BCE.
18.12.2019

Mehr Umbruch war selten: Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel und Energiewende, gesellschaftliche Erosion, Arbeitsverdichtung und stetig steigende Anforderungen an den Einzelnen. Wohin man auch schaut: Die Herausforderungen türmen sich. In dieser Welt, die buchstäblich aus den Fugen ist, sind Gewerkschaften umfassender gefragt denn je. In einer Zeit, in der sich Arbeit und Leben immer stärker durchdringen, in der Menschen zunehmend ihre Not haben, all ihre "Lebensprojekte" unter einen Hut zu bekommen – Familie und Freunde, Hobbys, ehrenamtliches Engagement und die berufliche Laufbahn. In dieser Zeit, in der Lebenssphären verschwimmen, ist auch für Gewerkschaften Horizonterweiterung angesagt.

Wir als IG BCE stellen uns dem Wandel. Wir brechen auf zu neuen Ufern eröffnen uns neue Perspektiven. Nicht zuletzt durch unseren Zukunftsprozess Perspektiven 2030+, in dem wir schon heute auf die Umbrüche der kommenden Dekade schauen – mit dem Ziel, frühzeitig neue Handlungsfelder und Instrumente zu erschießen, um die Zukunft mit all ihren Herausforderungen vorausschauend erfolgreich mitzugestalten.

Einen "Vorgeschmack" für die Gewerkschaftsarbeit von Morgen liefert der Anfang Dezember besiegelte Tarifabschluss für die chemisch-pharmazeutische Industrie. Konsequenter denn je haben wir über Entgeltsteigerungen hinaus Themen auf die Agenda gesetzt, von denen wir wissen, dass sie unseren Mitgliedern – eigentlich allen Menschen – auf den Nägeln brennen. Themen, die zudem mit gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen verbunden sind, die in Zukunft eher größer als kleiner werden dürften.

Da ist zum einen das große, in Zeiten steigender Arbeitsverdichtung und gesellschaftlicher Individualisierung immer schwieriger zu organisierende Thema "Work-Life-Balance". Mit dem individuellen Zukunftskonto haben wir erstmals ein flexibles tarifliches Element durchgesetzt, das die Vielfalt individueller Bedürfnisse berücksichtig. Je nach persönlicher Präferenz kann dieser „Baustein“ des Tarifvertrags eingesetzt werden für fünf zusätzliche freie Tage, zur Auszahlung, für die Altersvorsorge, für Qualifizierungsmaßnahmen oder als Guthaben auf dem Langzeitkonto – etwa für ein Sabbatical oder einen vorgezogenen Übergang in die Altersrente. Die ebenso umfassende wie begeisterte Resonanz, die das Zukunftskonto bei den Kolleginnen und Kollegen geerntet hat, zeigt, dass wir mit diesem neuen Instrument einen Nerv getroffen haben. Nun gilt es, diesen Tarifvertrag auf der Betriebsebene Im Sinne der Beschäftigten passgenau umzusetzen.

Der zweite Baustein greift eine nicht minder drängende Herausforderung auf: Das oftmals angstbesetzte Thema Pflege. Nicht nur seelisch ist es eine gewaltige Herausforderung, wenn einen selbst oder einen nahen Angehörigen dieser Fall ereilt. Auch die finanzielle Belastung ist immens: Bis zu 1.900 Euro beträgt die „Pflegelücke“ monatlich – also der Fehlbetrag zwischen den Leistungen aus der Pflegekasse und den tatsächlichen Kosten im Pflegefall. Tendenz steigend. Kein Wunder, dass viele Menschen allein schon die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema Pflege scheuen. Mit der tariflichen Pflegezusatzversicherung schaffen wir ein gutes Stück Sicherheit, denn im Falle eines Falles schließt sie die Pflegelücke weitgehend, sodass zumindest materielle Sorgen auf ein gut zu bewältigendes Maß reduziert werden.

Als dritten Baustein haben wir uns mit den Arbeitgebern schließlich auf eine gerade in Ausgestaltung befindliche Qualifizierungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels geeinigt. Auch hier machen wir einen großen Schritt Richtung Zukunft – denn die Digitalisierung wird die Arbeitswelt, wird zahlreiche Berufe und Arbeitsweisen tiefgreifend verändern. In einem Ausmaß, das wir heute, da die Entwicklungen noch am Anfang stehen, kaum absehen können. Deshalb muss das Schlagwort vom "lebenslangen Lernen" endlich zu einer selbstverständlichen betrieblichen Realität werden. Für alle Beschäftigten!

Dass wir zudem unter schwieriger werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusätzlich eine Entgelt- und Weihnachtsgeldsteigerung durchgesetzt haben – und so im Gesamtpaket ein Plus von rund 6 Prozent –, sei in diesem Zusammenhang nur als Randnotiz erwähnt.

Das eigentliche Pfund, mit dem die IG BCE nach dieser Runde wuchern kann, ist ihre Gestaltungskraft. Einmal mehr haben wir bewiesen, dass Gewerkschaften trotz allgemein sinkender institutioneller Bindungskräfte nichts von ihrer Relevanz eingebüßt haben. Mehr noch: Gerade in schwierigen Zeiten zeigt die IG BCE, zeigen die Sozialpartner, wie schnell und unbürokratisch die Tarifparteien tragfähige Antworten auf große gesellschaftliche Herausforderungen geben können!

Mit Pflegezusatzversicherung, Zukunftskonto und Qualifizierungsoffensive haben wir ganz bewusst einen neuen Weg eingeschlagen. Denn in Zeiten, in denen Arbeit und Leben zunehmend verschwimmen, darf unser Engagement nicht am Werkstor enden. Und weil die Zeit nicht stillsteht, weil weitere Herausforderungen auf uns zukommen, dürfen auch wir nicht stillstehen. In diesem Sinn ist die zurückliegende Tarifrunde für uns ein Ansporn, tarifliche Gestaltung in der kommenden Runde noch entschlossener nach vorn, konsequenter Richtung Zukunft zu denken. Nicht weniger ist unser Anspruch als Zukunftsgewerkschaft!

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